Barrieren gibt es nur in den Köpfen von WebDesignern

»Ich schau mal schnell im Internet nach«. Längst gehört das Internet zu den täglichen Werkzeugen in Haushalt, Schule und Beruf. Ein Werkzeug, das sich zudem auch noch eine grunddemokratische Struktur auszeichnet. Jeder kann hier seine Botschaften einstellen, jeder kann diese Informationen nutzen. Wirklich jeder?

Bekanntermassen ist nicht jeder Mensch mit allen Sinnen gleich gut ausgestattet. Unsere Wahrnehmung der Welt ist unterschiedlich – auch die der Netzwelt. Umso mehr gilt das Gebot, das diesen unterschiedlichen Wahrnehmungen Rechnung getragen werden muss. Ein Gebot, das durch WAI erstmals konkretisiert wurde. Später mündete es für deutsche Bundesbehörden sogar in die Verordnung zur Barrierefreiheit in der Informationstechnik (BITV) ein. In zunehmendem Masse wird diese Verordnung auch durch die Gleichstellungsgesetze der Bundesländer in die Länder- und Kommunalverwaltungen einziehen. Bei Unternehmen wird der Markt für den notwendigen Druck sorgen. Welcher klug rechnende Kaufmann wird es sich auf Dauer leisten können auch nur einen Teil seiner potentiellen Kundschaft von seinem Warenangebot aussperren zu können?

Die Umsetzung in der Praxis ist derzeit jedoch noch nicht sehr weit fortgeschritten. Unverständlicherweise, ist doch der Anspruch an einen barrierefreien Internetauftritt mit einem sehr geringen Aufwand zu realisieren. Alle notwendigen Techniken um einen barrierefreien Internetauftritt zu erstellen sind etabliert und verfügbar. Mehr noch: es sind die Techniken, die man braucht um den gängigen Anforderungen an einen Internetauftritt gerecht zu werden:

  • Schnelle Ladezeiten durch »schmalen« Code
  • Leichte Pflegbarkeit der Präsenz durch stringente Trennung von Gestaltung und Inhalt
  • Suchmaschinenoptimierung durch textbasierten Inhalt in semantisch korrektem Kontext
  • Universelle Zugänglichkeit durch validen Code, der von allen Ausgabegeräten verarbeitet werden kann

Von diesen Zielvorgaben ausgehend ist es nur noch ein kleiner Schritt hin zur Barrierefreiheit. Für die Aufteilung von Gestaltung und Inhalt stehen HTML und CSS zur Verfügung. Beschränkt sich der WebDesigner bei der Seitenerstellung auf die Hinzufügung von einigen wenigen HTML-Tags zum eigentlichen Inhalt ist damit die Zugänglichkeit für alle, ein schneller Seitenaufbau und eine optimale Suchmaschinenwahrnehmung sichergestellt.

Dieses »HTML-Gerippe« ist optisch alles andere als ansprechend. Wer durch eine Sehbehinderung jedoch von dieser Optik sowieso nichts erfährt, wird jedoch für eine klare Struktur die ein Screenreader optimal verarbeiten kann dankbar sein. Für die Sehenden kommt dann im zweiten Schritt via CSS ein ansprechende Gestaltung dazu. Funktion und Ästhetik müssen dabei keine Gegensätze sein. Die Möglichkeiten die CSS für moderne und reiche Gestaltungen liefern reichen von der Vielfalt an die von Printlayout heran. Halbtransparenzen, mehrspaltiger Satz mit überlappenden Bildern, Schriftvariationen, mitwachsende Layouts, … alles ist (mit etwas Hirnschmalz) machbar.

Barrieren können aber nicht nur in der Visualisierung bestehen. Auch motorische Beeinträchtigungen, Schwierigkeiten im Textverständnis (Pisa lässt grüßen!) oder auch Hörschäden können zur Barriere hin zu einen erfolgreichen Webauftritt werden. Auch diese Lösungen sind nicht schwer umzusetzen. Ein kurzer Text, der ein Bild beschreibt, ein Untertitel in einem Tonfilm oder die Möglichkeit Links einfach nur per Tastatur statt mit einer Maus zu erreichen. Alles einfaches Handwerkszeug, das ein WebDesigner in seiner Werkzeugkiste finden sollte.

Fazit: schaut man sich im Netz um, finden sich immer wieder sehr gute Umsetzungen von Barrierefreien Internetseiten, die auch für uns »Normale« ansprechend und leicht zu bedienen sind. Leider überwiegen immer noch handwerklich schlechte Lösungen, die mit Frames, Javascripten oder Flash vielen ihrer Nutzer das Leben schwer machen. Bei einigen Internetauftritten muss man nicht mal behindert sein um daran zu verzweifeln. Die größte Barriere im Netz besteht leider immer noch in den Köpfen von WebDesignern.

Dieser Artikel erschien Anfang Januar auch in der Zeitschrift »Sprachrohr«